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Neuer Nekrolog der Deutschen.
Siebzehnter Jahrgang, 1839.
Zweiter Theil
Weimar 1841
Druck und Verlag von Bernd. Friede. Voigt. 3de
(blz 1077)
371. Johann Christian Friedrich Wardenburg, Königl. niederl. Schout by Nagt (Contreadmiral) und des königl. niederl. milit. Wilhelmsordens 3. Kl. Ritter, zu Amsterdam;
geboren den 13. Dec. 1776, gestorben den 15. Jul. 1839.
W. ist zu Rastede im Herzogthum Oldenburg geboren, wo sein Vater, der nachherige Chef des Weserzollamts zu Elsfleth, Kanzleirath Friedrich Christian W., damals Amtmann war; seine Mutter war Sophie Lange aus Varel.
Die erste Schulbildung erhielt er von einem Hauslehrer im elterlichen Haus; als aber sein Vater im J. 1787 Mitglied der Kammer zu Oldenburg wurde, kam er auf die dortige lateinische Schule.
Seine außerordentliche Neigung zum Seedienste, welche sich schon früh außerte, veranlaßte seinen Vater, ihn im J. 1791 einem in Amsterdam als Kaufmann etablirten Bruder zu senden, welcher sich bemühte, ihm eine Stelle in der Marine der damaligen Republik der vereinigten Niederlande zu verschaffen.
Dies gelang auch so gut, daß er bereits im April 1791 als Adelburst (Junker, Midshipman) auf der Flotte angestellt wurde.
Wenn er Officier geworden, können wir nicht angeben, so wenig als die Zeitpunkte seines Avancements von einem Dienstgrade zum andern und alle kriegerische Ereignisse, an welchen er Theil genommen, denn es ist uns nicht vergönnt gewesen, seine Tagebücher bei diesem Nekrologe zu benutzen.
Die Revolutionen, denen die vereinigten Niederlande vom J. 1795 an ausgeseßt waren, hatten jedoch bald günstigen, bald nachweiligen Einfluß auf seine Stellung und so ist uns unter andern bekannt, daß er bei der neuen Organisation der Marine im J. 1798 nicht nach der ihm gebührenden Anciennistät wieder angestellt wurde. Doch nahm er an dem rühmlichen Zuge Verhuells mit der holländischen Flottille von Vlissingen nach Boulogne im Frühling 1804 thätigen Antheil, in dem er damals ein Kanonenboot kommandirte und in dem königl. Almanach für 1808 finden wir ihn als Kapitänlieutenant (mit dem Rang eines Oberstlieutenants) aufgeführt.
Auch den erfolgreichen Zug der niederländischen Flotte gegen Algier im J. 1816 machte er mit und zwar als Adjutant des kommandirenden Viceadmirals van de Capellen, wobei er mit seinem Advisschiffe während des Bombardements mehrmals in große Gefahr gerieth.
Vielleicht erhielt er für seine Auszeichnung bei dieser Gelegenheit den militärischen Wilhelmsorden 3. Klasse, vielleicht wurde er auch damals zum Kapitän (mit dem Rang eines Obersten der Landarmee) ernannt, wenigstens finden wir ihn in dem niederländischen Staatsalmanach für 1822 als Ritter und als Kapitän aufgeführt und zwar 3 Kapitäns nach ihm.
In dem nämlichen J. 1822 machte er auch als Kommandeur der Fregatte „Euridice” eine Reise nach Ostindien.
Im J. 1829 würde er zum Kommandeur und Direkteur der niederländischen Seemacht in Ostindien ernannt und ging im Anfang Novembers mit der Korvette „Pollux“ vom Texel ab nach Batavia, um diesen Posten anzutreten.
Hier kam er am 27. März an und übernahm am 1. April das Kommando der ganzen niederländischen Kolonialmarine.
Er mußte seine Wohnung in Batavia nehmen, welches, da der Generalgouverneur wegen des ungesunden Klimas die Stadt verlassen hatte und in Buitenzorg (29 engl, Meilen weiter im Innern des Landes) wohnte, mit manchen beschwerlichen Reisen verbunden war, da sich zwischen Batavia und Buitenzorg gefährliche Höhen und Tiefen finden, die einmal bei einer solchen Geschäftsreise, wo der Wagen umschlug, ihm beinahe das Leben geraubt hätten. Diese Reisen waren nämlich nothwendig, da er als Direkteur der Seemacht gewissermaasen die Stelle des Marineministers bei dem Generals gouverneur bekleidete und daher oft mit ihm das Wohl der Kolonialmarine zu berathen hatte, während er als Kommandant dieser Marine das höchste Kommando über alle dazu gehörige Schiffe führte.
Mit dem bei seiner Ankunft noch nicht beendigten Landkriege gegen die Empörer im Innern der Insel hatte er daher weiter nichts zu schaffen, als daß er den gefangenen Anführer der Insurgenten Diepo Regoro mit seinem Gefolg auf die Korvette ,,Pollux” einschiffen und nach Menado auf der Nordküste von Celebes bringen ließ,wohin er verwiesen war. Dagegen beschäftigten ihn am meisten die Seeräuber, welche vorzüglich auf der Nordküste von Sumatra ihren [] hatten; er ließ gegen dieselben [kreuzen] und ihre [Schlupfwinkel] zerstören. Auch die [Versegung] des entthronten Sultans von Bantam nach Surabaja vermittelst der Brig ,,Dourza ” geschah auf seinen Befehl durch seinen Adjutanten, den Lieutenant von Braam.
Seine Gesundheit schien von dem sonst den Europaern gefährlichen Klima Batavias im Allgemeinen nicht zu leiden und schon befand er sich am Anfange des lezten Jahres seisnes Kommandos (gewöhnlich währt der Aufenthalt eines Chef d’Escadre in Ostindien 3 Jahre), als unzufriedenheit mit der Verwaltung des Generalgouverneurs ihn bewog, eine Augenschwäche, welche ihn befallen hatte, zum Vorwande zu nehmen, um seine Ablösung nachzusuchen.
Dies Augenübel wurde jedoch immer ernstlicher und da sein Ablösungsgesuch ohne Erfolg geblieben war, hinderte es gegen Ende des Jahrs 1832 ihn nicht allein an seinen Geschäften, sondern zwang ihn jede Gesellschaft zu meiden, wo starke Beleuchtung stattfand. Erst im Jan. 1834 erfolgte seine Ablösung und nach einer glücklichen Fahrt von 113 Tagen langte er im Anfang Juni in Amsterdam wieder an.
Sobald er von seiner Geschäftsführung Bericht erstattet hatte, nahm er nun Urlaub in die Heimath, wo während seiner Abwesenheit (am 1. August 1832) sein Vater im 82. Jahre gestorben war und noch ein Bruder und eine Schwester, beide kränklich, von zahlreichen Geschwistern allein ihm am Leben geblieben waren.
Von der Mitte des Juli bis Ende Septembers versweilte er bei seinen Verwandten in Deutschland und ließ dann einstweilen in Amsterdam sich häuslich nieder. Im folgenden Jahre nahm er abermals Urlaub nach Deutschland und kam im Unfange des Juni 1835 in Oldenburg an.
Diese Reise betraf aber eine Angelegenheit des Herzens und seine Pläne für künftiges Lebensglück. Seit 9 Jahren kannte er Hermanna von Santen, die Nichte seiner Schwiegerin, der Witwe seines am 8. April 1830 verst. Bruders, des Justizraths W., und hatte seit der Zeit den Wunsch gehegt, die Zeit, welche der Flottendienst ihm übrig ließ, mit ihr in Glück und häuslicher Ruhe zu verleben. Schon vor mehr als 30 Jahren war er in Holland verheirathet gewesen, aber nur kurze Zeit hatte er das Glück der Ehe getroffen, denn nach wenig Jahren hatte er die Gattin und das einzige Kind verloren, welches sie ihm geboren hatte, um so mehr sehnte er sich nach Erneuerung des häuslichen Lebens, welches er solange hatte entbehren müssen. Auf dem Landgut ihres Vaters, des Justizraths von Santen zu Landegge im Herzogthum Meppen suchte er die so lange Geliebte auf und ershielt von ihr mit Zustimmung ihres Vaters im August 1835 die Zusicherung, daß sie sein künftiges Schicksal mit ihm theilen wolle.
Im Nov. holte er die Gattin von Landegge ab, um den Winter mit ihr in Amsterdam zu wohnen, zum Sommerausenthalt hatte er ein Landhaus zu Brummen in Gelderland bestimmt. Kaum hatte er aber dies im März 1836 bezogen, als erschon im April von heftigen Schmerzen im Kopfe befallen wurde, welche man für rheumatischen Ursprungs hielt.
Gegen Ende des Jahrs zogen sich jedoch die Schmerzen nach dem Munde, es bildete sich eine Geschwulst unter der Zunge und schon im Dec. des selben Jahres hinderte ihn solche am Sprechen und Essen. Kurz es wurde ein Krebsschaden in der Zunge, den lange mehrere Aerzte verkannten und der unheilbar war, als man endlich ihn erkannt hatte. Mit unsäglichen Schmerzen und Beschwerden kämpfend, versuchte er Alles, um davon befreit zu werden, auch im Sommer 1837 die Bäder von Wiesbaden, aber jedesmal fand er seine Hoffnugen getäuscht.
Im März 1838 wurde die königl. niederländische Marine neu organisirt, die ostindische Marine ganz aufgehoben und auch die sogenannte Landesmarine sehr beschränkt, wie die Trennung Belgiens von den nördlichen Provinzen das nöthig machte.
Mit vielen andern zum Theil jüngern Officieren wurde nun auch W. mit Pension entlassen, jedoch zur Anerkennung seiner Verdienste im erhöhten Grade, als Schout by Nagt (ContreAdmiral). So schmerzhaft ihm das unter andern Umständen gewesen wäre, so geduldig ertrug er es jezt in dem Bewußtseyn, daß er doch gegenwärtig nicht dienstfähig war und die Lage des Reichs diese Einschränkungen nöthig machte.
Sein Zustand blieb im Ganzen derselbe, nur daß seineSchmerzen und Beschwerden von Zeit zu Zeit nachließen und dann wieder zu, seine Kräfte aber immer mehr abnahmen. Es ist hier nicht der Ort zu einem Versuche, seine Leiden zu schildern, aber bewundern muß man die Standhaftigkeit und Geduld, womit er dieselben ertrug.
Auch knüpfte wohl nur die Liebe zu seiner Gattin, die mit unaussprechlicher Zingebung und Sorgfalt seiner pflegte, ihn noch an das Leben, das er mit ihr noch genießen zu können wünschte.
Im April 1839 erst erkannte er die unheilbarkeit seines Uebels und in seinem letzten Brief an einen Freund in der Heimat wünschte er das unvermeidliche Ende des selben herbei. Den noch befreite erst am 18. Juli der Tod ihn davon.
Seine Dienste Laufbahn spricht für seine Lüchtigkeit als Officier, seine Freunde rühmen seine Gefälligkeit und Dienstfertigkeit und einen Beweis für die Liebenswürdigkeit seines Charakters gibt die Liebe, womit die viel jüngere Gattin sich ihm zuneigte, womit sie ganz seiner Pflege und Aufheiterung sich widmete und die Trauer, womit sein Verlust ihr Herz erfüllte.
Ein nach seinem Tod in Steindruck erschienenes Bild W.’s wird von denen, die ihn genauer kannten , sehr ähnlich gefunden.
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Naar Johann Christian Friedrich Wardenburg (1776 – 1839)